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 Trotzdem wechselte Reicha im April 1785 als Konzertmeister in die Dienste des jungen Kölner Erzbischofs Maximilian Franz. Unter dem 24. April meldet das „Allgemeine Churtrierische Intelligenzblatt“, dass der „Kurköllnische Musikdirektor Reichard“ 10 auf seinem Weg nach Bonn durch Koblenz gekommen sei. Bereits am 28. Juni 1785 wurde er mit einem Jahresgehalt von 1000 Gulden zum Konzertdirektor der Bonner Hofkapelle ernannt. Seit 1789 fungierte Reicha auch als  Musikdirektor des  kurfürstlichen Nationaltheaters. Als  solcher leitete er u.a. auch die Bonner Erstaufführungen von Mozarts „Entführung aus dem Serail“, der „Hochzeit des Figaro“ und des „Don Giovanni“. Anton Reicha erhielt eine Anstellung als Geiger und Flötist in der Hofkapelle, der zur selben Zeit – als Bratscher – auch der junge Beethoven (1770-1827) angehörte 11. Zwischen den beiden Gleichaltrigen entstand eine langjährige Freundschaft.

Ende Dezember 1790 besuchte Joseph Haydn (1732-1809) auf seiner ersten Londonreise, die  er  in  Begleitung  des  Konzertunternehmers  Johann  Peter  Salomon  (1745-1815)  am 15. Dezember in Wien angetreten hatte und während der er auch einige Tage in Wallerstein Station machte, die kurfürstliche Residenzstadt Bonn. Reicha erhielt Gelegenheit, den berühmten Kollegen kennen zu lernen. Albert Christoph Dies (1755-1822), der 1810 die erste Haydn-Biographie „nach mündlichen Erzählungen desselben“ verfasste, berichtet: „Salomon führte Haydn am Sonntage in die Hofkapelle, eine Messe anzuhören. [...] Gegen das Ende der Messe näherte sich eine Person und lud ihn ein, sich in das Oratorium zu begeben, woselbst er erwartet würde. Haydn begab sich dahin und war nicht wenig erstaunt, als er sah, daß der Kurfürst Maximilian ihn dahin hatte rufen lassen, ihn gleich bei der Hand nahm und ihn seinen Virtuose mit den Worten vorstellte: Da mache ich Sie mit ihrem von Ihnen so hochgeschätzten Haydn bekannt. Der Kurfürst ließ beiden Teilen Zeit, einander kennenzulernen, und um Haydn einen überzeugenden Beweis seiner Hochachtung zu geben, lud er ihn an seine Tafel.“

Dieser hatte jedoch schon anderweitig disponiert und ein kleines Diner in seiner Wohnung bestellt. „Haydn mußte also zu Entschuldigungen Zuflucht nehmen, die der Kurfürst für gültig annahm. Haydn beurlaubte sich danach und begab sich nach seiner Wohnung, woselbst er von einem nicht erwarteten Beweise des Wohlwollens des Kurfürsten überrascht wurde. Sein kleines Diner war nämlich auf des Kurfürsten stille Order in ein großes zu 12 Personen verwandelt und die geschicktesten Musiker dazu eingeladen worden“ 12.

Seit Anfang der 1790er Jahre litt Reicha immer stärker an Gicht. Im August 1792 berichtet der Komponist und Musikschriftsteller Johann Friedrich Reichardt (1752-1814) in der von ihm herausgegebenen „Musikalischen Monathsschrift“: „Joseph Reicha, Konzertdirector am Churköllnischen Hofe, der sich durch seine schönen Violoncellconcerte berühmt gemacht hat, dieß Instrument selbst so vortreflich spielte, überhaupt ein herrlicher praktischer Musiker und sehr guter Orchesteranführer war, ist nun schon über ein Jahr für die Kunst fast ganz un- brauchbar. Nur mit Hülfe der Krücken kann er in seinem Zimmer mühsam auf- und abgehen.

[...] doch hat er eine bewundernswürdige Gelassenheit bei seinen gichtischen Schmerzen“ 13. Ende 1794, nach der Besetzung Bonns durch die französische Revolutionsarmee und der Flucht des Erzbischofs, wurde die Hofkapelle aufgelöst. Reicha starb wenige Monate später, am 5. März 1795 in Bonn. Seine Frau kehrte nach Wallerstein zurück. Fürst Kraft Ernst setzte ihr 1799 eine Rente von jährlich 150 Gulden aus.

10 Gemeint ist mit Sicherheit Reicha; zitiert nach Thayer (Literaturverzeichnis), S. 200.

11  Die „Musikalische Korrespondenz der Teutschen Filharmonischen Gesellschaft“ gibt am 13. Juli 1791 den Personalstand der „Kurfürstlichköllnischen Kabinets- Kapell- und Hof- musik“ wieder: „Direktor: Hr. Joseph Reicha. Violinisten: [...] Hr. Ant. Reicha [...] Flautisten: [...] Hr. Ant. Reicha, fängt an zu komponiren. [...] Braccisten: [...] Hr. Bethoven [...] Klavierkonzerte spielt Hr. Ludwig van Bethoven“.

12 Albert Christoph Dies: Biographische Nachrichten von Joseph Haydn. Wien 1810, S. 84 f.; zitiert nach der von Horst Seeger herausgegebenen Ausgabe Berlin 1962.

13 Musikalische Monathsschrift August 1792, S. 56.