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Feldmayr, Georg

„Der seelige Capell Meister Rosetti war mein Schwager“

Georg Feldmayr – neue Beiträge zur Biographie

 von Günther Grünsteudel

 Der vor 170 Jahren verstorbene Georg Feldmayr – Nachfolger Antonio Rosettis als Kapellmeister der Wallersteiner Hofkapelle und eine durchaus „schillernde“ Persönlichkeit – zählt unter den Musikern am Hof des Fürsten Kraft Ernst (1748-1802) zu denen, über welche die Musikgeschichtsschreibung fast völlig hinweggegangen ist. Die Nachschlagewerke des 19. Jahrhunderts widmen ihm meist nur wenige dürre Zeilen, in den  heutigen  Musiklexika  taucht  sein  Name  –  abgesehen  von  einer  Ausnahme  – überhaupt nicht auf 1. Außer dem Flötenkonzert in G-Dur, das um 1800 bei André in Offenbach herauskam 2, ist keines seiner Werke je im Druck erschienen. Dem Musik- interessierten stehen abgesehen von einer inzwischen vergriffenen Aufnahme eines Konzerts für zwei Hörner keinerlei Einspielungen seiner Musik zur Verfügung 3. Und dennoch wird man, sieht man sich einzelne seiner Kompositionen genauer an, das eben genannte Doppelhornkonzert etwa oder auch die Bläserpartiten, den Verdacht nicht los: Hier wäre ein Komponist zu entdecken, dessen Musik dies durchaus lohnen würde. Der folgende Beitrag versucht, etwas mehr Licht in Feldmayrs nur bruchstückhaft überliefertes Leben zu bringen. Aufgrund von Nachforschungen in einer Reihe von Archiven konnte der bisherige Kenntnisstand erfreulicherweise in mehreren Punkten korrigiert und erweitert werden.

1 Hierzu zählt leider auch die Neuausgabe der Enzyklopädie „Die Musik in Geschichte und Gegenwart“ (2MGG). Die erwähnte Ausnahme ist Sterling E. Murrays kurzer Arti- kel in der 2001 erschienenen Neuauflage des New Grove Dictionary of Music and Musicians (2New Grove, Vol. 8., 2001, S. 654), der allerdings eine Reihe von Falschin- formationen enthält, die auf Ludwig Schiedermair: Die Blütezeit der Öttingen-Waller- steinschen Hofkapelle, in: Sammelbände der Internationalen Musikgesellschaft 9 (1907/08), S. 97 f., und Jon R. Piersol: The Oettingen-Wallerstein Hofkapelle and its Wind Music. Diss. Univ. of Iowa 1972, S. 359-374, zurückgehen, die beiden einzigen musikhistorischen Arbeiten, die sich je mit Feldmayrs Leben beschäftigt haben.

2 Répertoire International des Sources Musicales. Einzeldrucke vor 1800, Bd. 3. Kassel 1972, S. 14 (F 195).

3 Die Interpreten des einen von zwei erhaltenen Konzerten für zwei Hörner in F-Dur waren  Ab  Koster  und  Jan  Schroeder  sowie  die  Deutschen  Bachsolisten  unter  der Leitung von Helmut Winschermann. Die Aufnahme entstand 1979 für RCA und wurde 1997 vom Label Capriccio auf CD wieder veröffentlicht.

 


Kindheit und Jugend

Feldmayrs  Wurzeln  liegen  in  Altbayern.  Seine  Familie  stammt  väterlicherseits  aus Geisenfeld bei Ingolstadt 4. Der Vater Johann Georg Feldmayr, Sohn eines Zimmermanns, wurde Leinweber und erwarb im nahen Pfaffenhofen/Ilm das Bürgerrecht. Am 29. April 1738 heiratete er die Weberwitwe Elisabeth Eberwein 5 († 1755) und am 9. Oktober 1755 in zweiter Ehe Maria Catharina Schredinger (1731/32-1819) 6, die er – seit „einiger Zeit kranckh und unpäßlich […] zu Bett ligend iedoch bay guetten Verstandt und Vernunffts Kräfften“ – in seinem Testament vom 5. August 1756 als Erbin einsetzte 7. Dem Testament zufolge versah er auch das Amt des Pfaffenhofener „Statt Pfarr Mesners“ 8. Kurze Zeit, nachdem er seinen letzten Willen schriftlich niedergelegt hatte, scheint er gestorben zu sein 9, denn am 30. September heiratete die Witwe seinen Nachfolger im Mesneramt, Johann Michael Nellenbacher († 1758) 10.

Als Georg Feldmayr am 18. Dezember 1756 zur Welt kam 11, war sein Vater also bereits tot. Am 22. Dezember 1758 heiratete die Mutter schließlich in dritter Ehe den Mesner Johann Baptist Lettner (1730-1784) 12. Vermutlich mit sechs Jahren wurde der Halbwaise  als  Chorknabe  ins  Augustiner-Chorherrenstift  Indersdorf  aufgenommen „und legte daselbst den Grund zur Erlernung des Lateins und der Musik“ 13. Anschließend besuchte er bis 1774 das von Jesuiten geführte Wilhelms-Gymnasium in München 14, wo er auch eine sorgfältige musikalische Ausbildung erhielt. Wahrscheinlich sollte er ursprünglich Priester oder Schulmeister werden. Sein Stiefbruder Franz Xaver Lettner (* 1760) durchlief diesen damals für begabte Kinder aus mittellosen Familien durchaus üblichen Karriereweg bis zum Ende: Zunächst Chorknabe in Indersdorf und anschließend (kostenfreier) Seminarist und Student der Theologie in München, erhielt er nach Abschluss seiner Studien, der Profess und der Priesterweihe die Pfarrstelle in Vohburg bei Ingolstadt 15. Wann und weshalb Feldmayr beschloss, den ihm vermutlich vorbestimmten Weg zu verlassen und Musiker zu werden, ist nicht bekannt – hierin ähnelt seine Biographie derjenigen Rosettis, der seine Erziehung wohl ebenfalls bei den Jesuiten erhielt 16. Feldmayrs Lebensumstände in den folgenden Jahren, zwischen dem Abgang vom Gymnasium und seiner Ankunft in Wallerstein, liegen noch völlig im Dunkeln.

4  Einer seiner Vorfahren war der um 1575 in Geisenfeld geborene Komponist Johann Feldmayr, der u. a. als Organist in Salzburg (Kloster Nonnberg) und Berchtesgaden (Fürstpropstei) wirkte. Vgl. Axel Beer: Art. „Feldmayr, Johann“, in: 2MGG. Personen- teil, Bd. 6. Kassel 2001, Sp. 918. Entgegen der Angabe bei Beer („† nach 1625“) ist das exakte Todesdatum († 18. März 1635) seinem Epitaph in der Berchtesgadener Pfarrkirche zu entnehmen; freundlicher Hinweis von Herrn Jörg Duda, Geisenfeld.

5 Archiv des Bistums Augsburg, Trauungsbuch der Pfarrei Pfaffenhofen 1646-1757. Mein Dank gilt Herrn Andreas Sauer, Stadtarchiv Pfaffenhofen, der mir eine Reihe von Archivquellen zu Feldmayrs Herkommen und Familie zugänglich machte.

6  Im Pfaffenhofener Trauungsbuch (Anm. 5) ist diese Eheschließung nicht nachzuweisen. Das Hochzeitsdatum entnehmen wir dem Testament (Anm. 7, fol. 72r), den Mädchennamen und die Lebensdaten der Mutter der Grabplatte ihres dritten Ehemanns Johann Baptist Lettner an der Pfaffenhofener Pfarrkirche (freundl. Hinweis von Herrn Jörg Duda).

7  Testament des Johann Georg Feldmayr vom 5. August 1756; Stadtarchiv Pfaffenhofen, Briefprotokolle 1756/57, fol. 68v-72v. Ein paar kleinere Legate (alles in allem 85 Gulden) betrafen kirchliche Zwecke oder Einrichtungen und seine in Geisenfeld lebende Schwester, die Weberin „Ursula Bayrlin“.

8 Testament (Anm. 7), fol. 69r.

9 Das genaue Datum ist nicht bekannt; im Pfaffenhofener Kirchenbuch ist sein Sterbe- eintrag nicht zu finden.

10 Archiv des Bistums Augsburg, Trauungsbuch der Pfarrei Pfaffenhofen 1646-1757.

11 Archiv des Bistums Augsburg, Taufbuch der Pfarrei Pfaffenhofen, Bd. 28, S. 669. Taufen fanden damals in der Regel am Tag der Geburt statt. Georg Feldmayrs Heirats- eintrag in der Wallersteiner Pfarrmatrikel vom 20. April 1784 (vgl. Anm. 24) bestätigt den 18. Dezember als Geburtstag. Im Pfaffenhofener Taufbuch findet sich außer dem Eintrag „Joannes Georgius posthumus“ kein weiterer mit dem Familiennamen Feldmayr.

12  Archiv des Bistums Augsburg, Trauungsbuch der Pfarrei Pfaffenhofen 1738-1759. Die Lebensdaten Lettners entnehmen wir seiner Grabplatte (vgl. Anm. 6). Aus dieser Ehe gingen zwischen 1760 und 1770 sieben Kinder hervor (Taufbuch der Pfarrei Pfaffenhofen, Bd. 29, S. 1, 26, 39, 54, 73, 86, 127).

13 Felix Joseph Lipowsky: Baierisches Musik-Lexikon. München 1811, S. 80.

14 Max Leitschuh: Die Matrikel der Oberklassen des Wilhelmsgymnasiums in München, Bd. 3. München 1973, S. 144 (Schuljahr 1773/74, Eintrag 37).

15 Vgl. Lipowsky (Anm. 13), S. 182 f.

16 Vgl.: Ernst Ludwig Gerber: Neues historisch-biographisches Lexikon der Tonkünstler, 3. Theil. Leipzig 1813, Sp. 920; Gottfried Johann Dlabacž: Allgemeines historisches Künstler-Lexikon für Böhmen [...], Bd. 2. Prag 1815, Sp. 593.


 

Oettingen-Wallerstein

Der Eintritt in die Hofkapelle des Fürsten Kraft Ernst zu Oettingen-Wallerstein dürfte Anfang des Jahres 1780 erfolgt sein 17. Um diese Zeit hatte der Fürst die Reorganisation seiner Hofkapelle in Angriff genommen, die vier Jahre zuvor nach dem Tod seiner jungen Gemahlin Marie Therese von Thurn und Taxis (1757-1776) suspendiert worden war. Friedrich Weinberger berichtet, der als Violinist eingetretene Feldmayr habe die sich ihm hier bietende Gelegenheit sogleich genutzt, „sich in der Composition und dem Generalbaß noch mehr auszubilden“ 18.

In den Wallersteiner Akten taucht Feldmayr erstmals Ende Oktober 1781 auf. Der Anlass war kein musikalischer, sondern eine Anzeige. Er wurde bezichtigt, sich im Mai des  Jahres  in  der  fürstlichen  Sommerresidenz  Hohenaltheim  mit  Monika  Keckhut (* 27. Januar 1762 19), der jüngeren Tochter des Wallersteiner Maurermeisters Joseph Keckhut, „fleischlicher Vergehen“ schuldig gemacht zu haben. Die 19-jährige gab beim Verhör zu Protokoll, „Feldmayr habe sogleich die Zimmertür versperrt, sie aufs Bett geworfen [etc., etc.]. Auf die Frage, „ob sie also mit dem Feldmeier schon vorhin bekannt gewesen“ sei, antwortete sie: „Ja, sie habe bei ihm Singen gelernt, und seie öfters zu demselben zur Zeit, da der Hof hier 20 gewesen, in die Apothek, woselbst er gewohnt, gekommen. Er habe allzeit das Zimmer geschlossen, und ihr zerschiedene Zumutungen getan. Sie habe sich aber allda allzeit retten können, weil in der Apotek mehrere Leute gewohnt, und Feldmeier ihr Schreien geforchten habe“ 21.

Bei seiner Vernehmung knapp einen Monat später räumte Feldmayr ein, mit Monika Keckhut seit Ende Dezember 1780 in Wallerstein zwar einige Male „in Unehren zu thun gehabt“ zu haben, bestritt aber die von ihr geschilderten Vorkommnisse in Hohen- altheim und betonte, „die Aufführung der Keckhuthin seye im[m]er nicht die beste gewesen, in dem dieselbe sich gegen jeden eben so freundschaftl: bezeigt, als gegen ihn selbsten.“ Die Frage des vernehmenden „Kanzleyverwalters“ Widnmann, ob er sich zur Vaterschaft der zwei Knaben bekenne, die sie inzwischen zur Welt gebracht habe, verneinte er entschieden, da „er die Copulam niemalen perfecte mit ihr exerciret habe“ 22. Trotzdem wurde er am 23. November wegen „Hurerey“ zu der „edictmäßigen Strafe“ von 20 Gulden verurteilt 23. Zweieinhalb Jahre später, am 20. April 1784, nahm Feldmayr die „Keckhutin“ in der Wallersteiner Hof- und Pfarrkirche St. Alban zur Frau 24.

Madame Feldmayr muss eine talentierte Sängerin gewesen sein. Rosetti bezeichnete sie in seinem 1785 erstellten Personalverzeichnis der Hof- und Kirchenmusik als „erst- beste“  Sopranistin  des  Hofes 25.  Ihr  Ehemann,  neben  seinen  Verpflichtungen  als Violinist auch erster Tenorist der Hofkapelle 26, schrieb für sie und sich selbst zahlreiche Vokalwerke (v. a. Kantaten und Konzertarien), die beider bemerkenswertes Gesangs- niveau ahnen lassen. Höchst wahrscheinlich sang das Ehepaar am Karfreitag des Jahres 1785 in der Uraufführung von Rosettis Oratorium Der sterbende Jesus die anspruchs- vollen Hauptpartien der Maria und des Johannes 27.

Der Name Feldmayr begegnet uns auch auf den beiden einzigen erhaltenen Programmzetteln der „Liebhaber-Konzerte“, (halb-) öffentlichen Darbietungen der Hofkapelle, die der Fürst an Sonntagen anzuordnen pflegte: Das Konzert am 2. März 1786 enthielt „eine Aria von Feldmayer“ und am 20. April des gleichen Jahres sang er zusammen mit der jungen Sopranistin Elisabeth Carnoli (* 1772), einer Schülerin der gefeierten Mannheimer Primadonna Dorothea Wendling, ein „Duetto von Guilhemi“ 28. Am 10. November 1786 bewilligte Fürst Kraft Ernst Feldmayr „zu seinem bisherigen Besoldungsgehalt  von  jährlichen  334  fl  eine  Zulage  von  100  fl  jährlich,  deren Bezahlung bey Unserer Hofcassa vom Quartal Trinitatis dieses Jahres an zu rechnen ist, unter der Bedingnis jedoch, daß dafür dessen Ehegattin“ weiterhin unentgeltlich „bey der Kirchen Musik mitzusingen verbunden seye“ 29.

Neben dem Dienst in der fürstlichen Kapelle widmete sich Feldmayr im privaten Kreis auch gerne der Kammermusik. Zu seinen Partnern zählten u. a. der Cellist Paul Wineberger (1758-1821) 30, der etwa gleichzeitig mit ihm in die Hofkapelle eingetreten war, und der ebenfalls Cello spielende Bruder des Fürsten, Graf Franz Ludwig (1749-1791). Ursprünglich für den Militärdienst bestimmt, hatte Letzterer bereits 1775 aufgrund der Folgen einer Pockeninfektion als Rittmeister den Dienst quittieren müssen und verbrachte danach die ihm verbleibenden Jahre seines kurzen Lebens am Hof des älteren Bruders 31.

Als Josef Reicha (1752-1795), dem bis dahin die Kapellmeisterpflichten oblagen, 1785 an den kurkölnischen Hof in Bonn wechselte, betraute der Fürst Antonio Rosetti mit dessen Aufgaben, Feldmayr wurde so etwas wie sein Stellvertreter 32. Nach dem von Kraft Ernst nur widerwillig akzeptierten Weggang seines prominenten Kapellmeisters an den Mecklenburg-Schweriner Hof in Ludwigslust im Jahr 1789 trat Feldmayr dessen Nachfolge an 33. Im Jahr darauf schrieb Rosetti von seiner neuen Wirkungsstätte aus an seinen ehemaligen Kollegen „wegen Engagementsangelegenheiten“ 34. Als Kraft Ernst davon erfuhr, scheint er außer sich geraten zu sein35, hatte doch erst kurz zuvor Rosetti auch den ersten Fagottisten des Wallersteiner Orchesters, Christoph Hoppius (1750-1824), überredet, an den Ludwigsluster Hof zu wechseln. Nur unter Zusicherung eines höheren Gehalts war es Fürst Kraft Ernst gelungen, ihn zurückzuholen 36.

Wie andere Hofmusiker litt auch Feldmayr stets unter Geldsorgen. Seine Schulden veranlassten ihn, den Fürsten um immer neue Zulagen und Vorschüsse zu bitten 37. Seit der Erhöhung vom November 1786 bezog er mit 434 Gulden zwar eines der höchsten Gehälter der Hofmusik, doch geriet er, nach Weinberger, durch „Leichtsinn […] sehr oft in Schulden […], welche vielfach durch die Gnade des Fürsten, dessen Liebling er war, getilgt wurden“, so dass er das wohl „theuerste Mitglied der Kapelle war“ 38. Am 18. September 1793 wurde sein Jahresgehalt nochmals um 50 Gulden erhöht „unter der Verbindlichkeit, daß derselbe jährlich einige Stüke Kirchenmusik liefern und sich dem Unterricht der Singstimmen unterziehen muß“ 39.

Trotzdem besserten sich seine und die Situation seiner Familie nicht. Ganz im Gegenteil: Im Lauf der 1790er Jahre wurde seine Lage immer auswegloser. Im Bericht eines Wallersteiner Hofbeamten vom 9. Oktober 1795 heißt es 40: „Ohne Geld borgt dem Feldmeier kein Mensch, da er seit gestern nichts mit den Seinigen gegessen hat, hab ich wenigstens gesorgt, daß er sich diesen Mittag sättigen kann.“ Am 29. Januar 1796 übernahm Fürst Kraft Ernst eine „Garantie“ über 600 Gulden, damit Feldmayr „sich von seiner drückenden Schuldenlast“ befreien konnte 41. Der Grund für die dramatische Zuspitzung seiner Situation war sicherlich nicht allein sein Unvermögen im Umgang mit Geld, sondern vielmehr die allgemeine Teuerung, die durch die andauern- den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen dem revolutionären Frankreich auf der einen Seite und der Koalition der übrigen europäischen Mächte auf der anderen bedingt war. Hinzu kamen die desolaten Finanzen des Fürstlichen Hauses, die dazu führten, dass Kraft Ernsts Hofkasse mit den Gehaltszahlungen immer wieder in Verzug geriet.

Im Frühjahr 1796 überquerten französische Truppen den Rhein und im August standen sie an der Westgrenze des kleinen Fürstentums Oettingen-Wallerstein. Kraft Ernst zog sich vorsichtshalber mit seiner Familie ins benachbarte neutrale „Ausland“, die ehemalige Markgrafschaft Ansbach, zurück. Als Domizil diente der fürstlichen Familie das nur wenige Kilometer hinter der Nordgrenze des Oettinger Territoriums gelegene Schloss Röckingen 42. Zwar konnten die Franzosen in der Folge wieder aus Süddeutsch- land vertrieben werden, doch es blieb eine latente Bedrohung, die die politische und ökonomische Lage gewiss nicht stabiler machte.

Am 30. August 1797 reiste Feldmayr mit der Ehefrau und den beiden Töchtern ohne herrschaftliche Erlaubnis ins nahe Donauwörth, um – wie er dies Hofmusikintendant Ignaz von Beecke (1733-1803) brieflich darlegte – von dort aus mit seinem Stiefbruder, dem Vohburger Pfarrer Lettner, Kontakt aufzunehmen, der in Aussicht gestellt hatte, Feldmayr finanziell zu unterstützen 43. Der Wallersteiner Hof deutete diese Reise jedoch als Flucht vor den Gläubigern und ließ dem Donauwörther Magistrat durch Hofrat von Belli tags darauf wissen, dass man Feldmayr und die Seinen notfalls mit Polizeigewalt zurückholen werde 44 – was dann auch tatsächlich geschah. Wieder zu Hause, beteuerte Feldmayr in einem an den Hofkommandanten von Hallberg gerichteten Schreiben, welches dieser bei der „allerersten Gelegenheit“ Fürst Kraft Ernst vorlegen sollte, unter Aufbietung aller rhetorischen Künste, derer der ehemalige Jesuitenzögling fähig war, dass er gewiss nicht „Schulden halber entweichen wollte“ und bat seinen Fürsten in- ständig „um Gnade und um Verzeihung“ 45. Wirklich klar werden die Umstände aus den erhaltenen Zeugnissen nicht. Feldmayrs gewundene Argumentation lässt eher Zweifel an seiner Aufrichtigkeit aufkommen: Möglicherweise war es ja doch seine Absicht gewesen, sich heimlich mit Frau und Kindern „aus dem Staub“ zu machen.

Den am 17. Oktober 1797 geschlossenen Frieden von Campo Formio, der auf weltpolitischer Ebene einen – vorläufigen – Ausgleich zwischen den Konfliktparteien Frankreich und Österreich herbeiführte, feierten sowohl Feldmayr als auch der Major von Beecke in Wallerstein musikalisch mit Friedens-Kantaten 46. Nichtsdestoweniger war das Ende der großen Zeit der Wallersteiner Hofkapelle absehbar. Das Verhältnis zwischen dem Fürsten und seinen Hofmusikern verschlechterte sich stetig – und schuld daran war vor allem das Geld. Im September 1798 kam es zu einem kollektiven Akt der Verzweiflung: In einer Petition baten Feldmayr, Hoppius, die Oboisten Gottfried Klier (1757-1800) und Johann Ludwig Koeber sowie die Hornisten Josef Nagel (1751/52-1802) und Franz Zwierzina (1751-1825), alles prominente Mitglieder der Hofkapelle, „mit betrübten kum[m]ervollen, nothgedrungenen Herzen“ um die Erlaubnis, auf Konzertreisen gehen zu dürfen, um durch die Einnahmen ihre „drückensten Schulden“ begleichen zu können. Sie klagten bitter über den „Spott und die Geringschäzung so die Wallersteiner /: beinahe die meisten :/ gegen mehrere von der Hofmusik offenbar zeigen und äußern“ und gegen „die beleidigende Ausdrücke /: die man uns hier ganz laut – mit den ehrenrührigsten Worten der Lumpen, der Tagdiebe und der Faullenzer beilegt“ und schlossen ihr Gesuch mit den Worten: „Wir wollen Euer Hochfürstlichen Durchlaucht keine Gelegenheit zum Unmuth und Verdruß geben – aber auch dies werden Höchst- dieselben als ein Weißer und gerechter Fürst nicht von uns verlangen – daß wir zu Grunde gehen, oder gar am Ende verzweifeln sollten!!!“. Kraft Ernst lehnte das An- sinnen der Unterzeichner rundweg ab und notierte eigenhändig auf dem Bittgesuch:

„Zur Antwort habe ihnen die Dimission antragen lassen“ 47.

Am 4. April 1799 ließ er an Hofmusikintendant von Beecke ein Schreiben richten, in dem er sich über Feldmayrs „schmähliches“ und „respektswidriges“ Betragen beklagte 48: „Nicht nur, daß er sich bei allen Gelegenheiten erdreustet, in den unanstän- digsten Ausdrücken über die höchste Person Serenissimi sich herauszulassen, und unter anderem auch vorzugeben, als hätten Serenissimus ihme für jede Cantat 3. Louis d’or zugesichert, was die derbste Unwahrheit ist.“ Damit nicht genug „läßt er sich bis zu dem [...] Mittel herunter, sogar nach Nördlingen Bettelbriefe zu schicken und dadurch gnädigste Herrschaft [...] auf die sträflichste Art zu compromittieren.“ Beecke wurde angewiesen, „den Musicus Feldmeyer sogleich vorrufen zu lassen, ihm all dieses wörtlich vorzuhalten, und dabey ernstlich zu bedeuten, daß wenn er dieses Betragen nicht ändert, und sich noch einmal unterfängt, [...] über Herrschaft zu raissoniren, oder Bettelbriefe auszuschicken, alsdann die Wachstube sein Quartier seyn und er alldann ohne weiters werck fortgeschickt werde.“

Anfang Oktober lieh sich Feldmayr vom Wallersteiner Bürgermeister Paumgartner 28 Gulden; als Pfand akzeptierte dieser 64 handschriftliche Kompositionen. Im November scheint Feldmayr Wallerstein dann endgültig verlassen zu haben 49. Am 20. Dezember erging an den Hofmusikintendanten die Weisung 50: „Der Musicus Feldmeyer, welcher ohne Erlaubnis von hier weggegangen ist, hat nun bereits 4. Termine zu seinem Wiedererscheinen erhalten, ist aber dieser ihm angebotenen Gnade bisher nicht gefolgt, während seine Familie dahier dem Publico zur Last fällt. Die Geduld und Langmut Serenissimi Hochfürstl. Durchlaucht ist nun erschöpft; und es [ist] Höchstihro ernstlicher und unabänderlicher Wille, daß dem Musicus Feldmeyer sogleich seine Dimißion nach München oder, wo er sich sonsten aufhalten mag, zugeschickt, seinem dahier befindlichen Weib aber ein Termin von 2mal 24. Stunden bestimmt werden solle, binnen welchem sie mit ihren Kindern den hiesigen Markt zu räumen, und sich zu ihrem Manne zu verfügen hat, wie denn auch von heute an die bisher genossenen herrschaftlichen Beiträge cessiren 51.“

Da Feldmayr dem Wallersteiner Bürgermeister das geliehene Geld nicht zurück- zahlte, blieben die Manuskripte in dessen Händen, bis Fürst Kraft Ernst 1802 die Noten in seinen Besitz zu bringen verstand – ein Indiz dafür, welche Wertschätzung er der Musik seines ehemaligen Kapellmeisters nach wie vor zollte. Nachdem Paumgartner die versprochene Summe im April 1806 – also mehrere Jahre nach dem Tod des Fürsten – noch immer nicht zurück erhalten hatte, wandte er sich an die Behörden 52: „Ich Entes underschriber habe den Herrn Feltmayer 1799 den 4 oct. 28 fl geliehen dar vor hat er mirr 64 Stück von seine besten Musicallen eingesetz. 1801 verlangte der Durchlauch- tigster Fürst durch den Musicus Link 53 dieselbe abzuhollen welches nicht gleich ist geschechen, sontern 1802 seint dieselbe durch den Herrn Musitirector Hamer 54 abgeholt worden und ich noch keine Bazallung darvor erhalten. Wallerstein den 29 abril 1806 Paumgartner.“ Der Bürgermeister musste sich noch fast ein ganzes Jahr gedulden, ehe ihm die geliehene Summe im April 1807 erstattet wurde 55.

Doch noch einmal zurück ins Jahr 1800: Am 6. Juni, wenige Tage bevor die fürstliche Familie noch ein weiteres Mal, diesmal sogar für mehr als zehn Monate, vor den Franzosen außer Landes ging 56, unterrichtete Feldmayrs Schwager, der Wallersteiner Gastwirt „Zum Schwarzen Adler“ Clemens Anton Neher 57, den Fürsten Kraft Ernst darüber, „daß der treu und ehrlose Feldmeyer seine ganze Familie zurückgelassen und diese seit seines Austritts [ihm] allein aufgehalset“ habe. Die vierköpfige Familie habe ihn seither „schon ein beträchtliches gekostet“, da er für Essen, Kleidung und Logis aufkomme. Seinen Neffen, Feldmayrs Sohn Franz, „den sein Vater gänzlich vernach- lässiget hatte, habe [er] bisher im Lesen, Schreiben, Rechnen und im Christenthum unterrichten, ihm auch das frisiren lernen lassen“, und zuletzt er bat er den Fürsten, den den Fünfzehnjährigen in seine Dienste zu nehmen 58.

1835, ein Jahr nach Georg Feldmayrs Tod, erschien in der „Encyclopädie der gesammten musikalischen Wissenschaften“ ein kurzer Artikel, in dem sein Abgang von Wallerstein so dargestellt wurde 59: „Um’s Jahr 1800 machte er als Flötenvirtuos eine Reise durch Deutschland, auf der er sich viel Ruhm erwarb.“ Dass Feldmayr auch Flöte spielte, und dies sogar in virtuoser Manier getan haben soll, ist weder durch sein eigenes Zeugnis, noch durch irgend eine andere Quelle belegt 60. Piersol hält es unter Hinweis darauf, dass damals viele Streicher auch ein Blasinstrument beherrschten, trotzdem für denkbar, dass er im Wallersteiner Hoforchester die Violine und in der fürstlichen Harmoniemusik die Flöte spielte 61.

17 Vgl. Feldmayrs eigenes Zeugnis bei seiner Vernehmung vom 21. November 1781 (Anm. 22): „[...] diene bei hiesig Hochfürstl. Hof als Kamer Musicus bei nahe 2. Jahr“.

18  Friedrich Weinberger: Die fürstliche Hofkapelle in Wallerstein 1780-1840. Ms., ca.

1875, S. 34; Fürstlich Oettingen-Wallersteinsches Archiv Schloss Harburg (FÖWAH), LO: VIII. fol. 2. – Mein herzlicher Dank für die zuvorkommende Betreuung auf Schloss Harburg gilt dem dortigen Archivar, Herrn Hartmut Steger.

19 Kath. Pfarramt Wallerstein, Pfarrmatrikel 1750-1806, Taufen.

20 Gemeint ist Wallerstein.

21 Protokoll der Vernehmung der Monika Keckhut vom 30. Oktober 1781; FÖWAH, Dienerakten Feldmayr, LO: III.5.18c-1.

22  Protokoll der Vernehmung Feldmayrs vom 21. November 1781; FÖWAH, Diener- akten Feldmayr, LO: III.5.18c-1.

23  Urteil der Hofkammer vom 23. November 1781; FÖWAH, Dienerakten Feldmayr, LO: III.5.18c-1.

24  Kath. Pfarramt Wallerstein, Pfarrmatrikel 1750-1806, Hochzeiten. – Von den sechs Kindern, die zwischen 1785 und 1796 zur Welt kamen (Kath. Pfarramt Wallerstein: Pfarrmatrikel 1750-1806, Taufen, S. 153, 159, 169, 201, 216, 232), überlebten nur drei: Franz (* 1785), Maria Josepha (* 1794) und Eugenia Wilhelmina Clementina (* 1796).

25  Antonio Rosetti: Bemerkung zu Errichtung einer Circhen Musik mit Zuziehung des Hof-Orchestre; FÖWAH, Kultussachen Wallerstein, Pfarrkirchenmusik, LO: VI.42.13-2.

26 In Rosettis Personalverzeichnis (Anm. 25) erscheint er als erster Tenorist, unter den Violinisten ist er hingegen nicht aufgeführt.

27  Sterling E. Murray: „Er kommt zu bluten auf Golgatha ...“. Zu Antonio Rosettis Passionsoratorium Der Sterbende Jesus, in: Rosetti-Forum 4 (2003), S. 9, Anm. 20.

28 Programme des 7. und 12. Liebhaberkonzerts vom 2. März bzw. 20. April 1786; FÖWAH, Ältere Kabinettsregistratur (ÄKR) II.a.5.d, Hofmusik Nr. 55, LO: II.3.47-2. – Zu Elisabeth Carnoli vgl. Lipowsky (Anm. 13), S. 51. – Bei „Guilhemi“ handelt es sich vermutlich um den italienischen Opernkomponisten Pietro Alessandro Guglielmi (1728- 1804).

29 FÖWAH, Dienerakten Feldmayr, LO: III.5.18c-1.

30  D. Trummer: Paul Wineberger. Eine biographische Skizze, in: Abendzeitung [Dres- den] 1822, Nr. 92 u. 93, S. 365-367, 369-37; Günther Grünsteudel: Wallerstein – das „Schwäbische Mannheim“. Nördlingen 2000, bes. S. 59-61; Sterling E. Murray: Art. „Wineberger“, in: 2New Grove, Vol. 27, S. 435 f.

31  Volker von Volckamer: „Als hohen Gönner und Kenner der Ton Kunst ...“. Fürst Kraft Ernst zu Oettingen-Wallerstein zum 200. Todestag, in: Rosetti-Forum 4 (2003), S.33 f. und Anm. 24; vgl. auch Fiona Little: The String Quartet at the Oettingen-Waller- stein Court: Ignaz von Beecke and his Contemporaries. New York 1989, S. 56 f.

32  Musikalische Realzeitung 1 (1788), S. 53: „Zweiter Konzertmeister. Hr. Feldmaier, dirigirt das Orchester und singt zugleich die Tenorarien.“

33  Vgl. Feldmayrs weiter unten vollständig wiedergegebenen Brief an Herzogin Luise von Mecklenburg-Schwerin vom 3. Okt. 1800; vgl. auch Lipowsky (Anm. 13), S. 80, und Weinberger (Anm. 18), S. 34 f.

34   Clemens  Meyer:  Geschichte  der  Mecklenburg-Schweriner  Hofkapelle.  Schwerin 1913, S. 265.

35 Vgl. ebenfalls Feldmayrs Brief vom 3. Oktober 1800 (wie Anm. 33).

36 Vgl. Piersol (Anm. 1), S. 420-422.

37 Feldmayrs Wallersteiner Personalakt (FÖWAH, LO: III.5.18c-1) gibt davon Zeugnis.

38 Weinberger (Anm. 18), S. 35.

39 FÖWAH, Dienerakten Feldmayr, LO: III.5.18c-1.

40 Hofkammerrat Cramer an Fürst Kraft Ernst, Wallerstein, 9. Oktober 1795; FÖWAH, Dienerakten Feldmayr, LO: III.5.18c-1.

41 FÖWAH, Dienerakten Feldmayr, LO: III.5.18c-1.

42 Volker von Volckamer: Aus dem Land der Grafen und Fürsten zu Oettingen. Waller- stein 1995, S. 155. – Die Markgrafschaft Ansbach war bereits 1791 an Preußen gefallen, das seinerseits seit dem Basler Frieden von 1795 neutral war.

43 Feldmayr an Ignaz von Beecke, Donauwörth, 30. August 1797; FÖWAH, Diener- akten Feldmayr, LO: III.5.18c-1.

44  Hofrat von Belli an den Donauwörther Magistrat, Wallerstein, 31. August 1797; FÖWAH, Dienerakten Feldmayr, LO: III.5.18c-1.

45 Feldmayr an Hofkommandant von Hallberg, Wallerstein, 3. (?) September 1797; FÖWAH, Dienerakten Feldmayr, LO: III.5.18c-1.

46 Gertraut Haberkamp: Thematischer Katalog der Musikhandschriften der Fürstlich Oettingen-Wallersteinschen Bibliothek Schloß Harburg. München 1976, S. 13, 59 (Kataloge bayerischer Musiksammlungen [= KBM], Bd. 3).

47 Petition der Hofmusiker Feldmayr, Hoppius, Klier, Koeber, Nagel und Zwierzina an Fürst  Kraft  Ernst,  13.  September  1798;  FÖWAH,  ÄKR,  Hofmusikintendanz,  LO: II.3.47-2.

48 FÖWAH, Dienerakten Feldmayr; LO: III.5.18c-1.

49 Schreiben von Hofkammerrat Heinrich Wilhelm Carl von St. Georgen an Fürst Kraft Ernst, Wallerstein 20. Juni 1801, bezüglich der Verwahrung von Feldmayrs zurückge- lassenen Kleidungsstücken; FÖWAH, Dienerakten Feldmayr, LO: III.5.18c-1: „[...] nachdem der Musicus Feldmeyer im Nov. 1799 die hiesigen Dienste verließ [...]“.

50 FÖWAH, Dienerakten Feldmayr, LO: III.5.18c-1.

51 Gemeint ist, Feldmayrs Bezüge mit sofortiger Wirkung zu streichen.

52 FÖWAH, Hofcassa-Rechnung 1807, Beleg 385; zit. nach Volker von Volckamer: Geschichte des Musikalienbestandes, in: KBM 3, S. XV.

53  Höchstwahrscheinlich der Geiger Franz Xaver Link (1759-1825), der auch mit der

„Aufsicht und Besorgung der Musikinstrumente und Musikalien“ betraut war; vgl. FÖWAH, Dienerakten Franz Xaver Link (Gesuch um Gehaltszulage vom 25.12.1795), LO: III.6.10a.

54  Der Geiger Franz Xaver Hammer (1760-1818) übernahm nach Feldmayrs Weggang die Pflichten des Kapellmeisters. Nach Beeckes Tod wurde er zunächst zum „proviso- rischen“ und am 5. April 1805 zum „wirklichen“ Direktor der Hofmusik ernannt; vgl. Schiedermair (Anm. 1), S. 101.

55 Anschließend an Beleg 385 (Anm. 52) folgt eine Quittung vom 15. April 1807 über erhaltene 28 Gulden.

56 Vgl. Volckamer (Anm. 42). Die fürstliche Familie bewohnte diesmal das ehemals markgräflich ansbachische Schlossgut Unterschwaningen. Fürst Kraft Ernst kehrte erst Ende April 1801 nach Wallerstein zurück.

57 Clemens Neher heiratete am 17. Juni 1788 Josepha Keckhut, die ältere Schwester der Monika Feldmayr; Kath. Pfarramt Wallerstein, Pfarrmatrikel 1750-1806, Hochzeiten.

58 Clemens Anton Neher an Fürst Kraft Ernst, Wallerstein, 6. Juni 1800; FÖWAH, Die- nerakten Feldmayr, LO: III.5.18c-1.

59 Gustav Schilling (Red.): Encyclopädie der gesammten musikalischen Wissenschaf- ten, oder Universal-Lexicon der Tonkunst, Bd. 2. Stuttgart 1835, S. 673.

60 Trotzdem wurde diese Behauptung einige Male kolportiert, zuletzt von Adolf Layer in seinem Artikel „Wallerstein“ in: MGG, Bd. 14 (1968), Sp. 170.

61 Vgl. Piersol (Anm. 1), S. 366.


 

Ludwigslust

Im Herbst des Jahres 1800 finden wir Feldmayr im Mecklenburgischen Ludwigslust. In einem an die Herzogin Luise von Mecklenburg-Schwerin (1756-1808) gerichteten Schreiben bat er um eine Anstellung bei Hofe, ließ sich dabei aber auch über sein Engagement in Wallerstein aus 62:

„Durchlauchtigste Herzogin! Gnädigste Fürstin und Frau Frau!

Der seelige Capell Meister Rosetti war mein Schwager: ich bin beÿ der Fürstlich Oetting Wallersteinischen Capelle als Hof und Capell Sänger, /: als Tenoriste :/ angestellet: in den lezten Jahren aber, da der seelige C. Rosetti noch in Wallersteinischen Diensten stand, dirigierte ich schon beÿ der ersten Violine: Nach dem Austritt des seeligen Capellmeisters Rosetti aus dem Wallersteinischen Orchester, ernannte mich der Fürst zum Musik Director und Kamer Compositeur.

Im Jahre 1790 erhielt ich vom H. Capellmeister Rosetti aus Ludwigslust beiliegendes Schreiben nacher Wallerstein; der Fürst hörte, daß ich aus Ludwigslust einen Brief erhalten habe, und sogleich beÿ Androhung höchster Ungnade befahl er mir dieses Schreiben vorzuzeigen; – im ungestümsten Ausbruch des fürchterlichsten Zornes zerriß er den Brief, und warf die Stüke davon zu meinen Füßen! Euer Herzoglichen Durchlaucht übergebe unterthängist dieses Rosettische Schreiben an mich – im Originalle 63!!!

Durch die Kriegs Unruhen, die schon seit dem Monath Mertz dieses Jahres in Schwaben neuerdings wiederum angefangen hatten, bin ich gezwungen worden auf Reisen zu gehen: Der Fürst von Wallerstein ist seit einem halben Jahre emigriert, und das  Orchester  empfanget so  lange  die Kriegs  Unruhen  in  Schwaben  anhalten  und dauren nicht einen Groschen vom Salario!!! Ach! hart und unglüklich ist meine gegenwärtige Lage!!!

Demüthigst übergebe Euer Herzoglichen Durchlaucht von meiner Composition das neueste Werk, eine geistliche Cantate: die Worte sind lateinisch, ich habe noch nicht gelegenheit gehabt eine deutsche geistliche Cantate zu componieren 64. Ach! möchte Euer Herzogliche Durchlaucht mildest geruhen, mein musicalisches Werk mit höchster Huld und Gnade anzunehmen!!!

Es ist der erste und einzige Wunsch meiner Seele, und die größte und höchste Gnade wäre mir, wenn ich das unbeschreibliche Glück hätte, in die Herzogliche Dienste gnädigst an und aufgenohmen zu werden. Ich höre, das einige Herrn Kamer Musici aus der Herzoglichen Capelle /: besonders Violinisten :/ schon sehr auf Jahren sind; demüthigst bitte ich demnach – den gnädigsten Accep. – ohne ein gnädigstes exspectanz decret mildest mir angedeÿhen zu lassen.

Die hiesigen zwei Herrn Kamer Musici Sperger 65  und Hamer 66  kennen mich und mein  Talent  von  Wallerstein  aus:  unterthänigst  bitte  mich  und  meine  musicalische Talente zur production und gehör – gnädigst komen zu lassen!!! Die verwittibte Frau Capellmeisterin Rosetti /: meine Schwägerin :/ kann Euer Herzoglichen Durchlaucht von meiner Conduite und von meinem musicalischen Talente die reine Wahrheit /: ohn allem Interesse :/ unterthänigst darthun. Meines Alters zähle ich 38 Jahre, bin verheÿra- thet und habe 3 Kinder.

Daß Euer Herzoglichen Durchlaucht dieses mein demüthiges – schriftliches Bitten, mit höchster Huld und Gnade anzunehmen und zu begnadigen mildest geruhen wollen, bitte nocheinmallen unterthänigst, und ersterbe in tiefster Ehrfurcht.

Euer Herzoglichen Durchlaucht unterthänigst gehorsamster

Georg Feldmaÿer

Fürstlich Oetting Wallersteinischer Music Director, Hof und Capell Sänger und Kamer Compositeur.

Ludwigslust, den 3ten octobris 1800:“

 

Bei der Angabe seines Alters nahm es Feldmayr mit der Wahrheit nicht so genau. Er machte sich ganze sechs Jahre jünger als er zum Zeitpunkt des Gesuchs tatsächlich war. Sicherlich hoffte er, damit seine Chancen für eine Anstellung zu verbessern. Dagegen ist seine Behauptung, Rosettis Schwager zu sein, auch wenn sie aus heutiger Sicht etwas weit hergeholt erscheint, nach damaligem Wortverständnis durchaus zutreffend: Der Wallersteiner Adlerwirt Clemens Neher (* 1764), ein Bruder von Rosettis Ehefrau Rosina 67, hatte 1788 Josepha (* 1755), die ältere Schwester von Feldmayrs Ehefrau

Ein Taufeintrag für Rosina Neher, Rosettis spätere Ehefrau, fehlt zwar in der Monika, geheiratet. Als Trauzeugen fungierten die beiden Schwäger Rosetti und Feldmayr 68.

Bereits am 6. Oktober erhielt Feldmayr vier Louisdor für die dedizierte Kantate 69. Auf seine Bitte um Anstellung ging man hingegen mit keinem Wort ein. Am 22. Oktober „legte er nach“. Diesmal schrieb er an Herzog Friedrich Franz (1756-1837) 70:

 

„Durchlauchtigster Herzog

Gnädigster Fürst und Herr Herr!

Ich unterwinde mich Euer Herzoglichen Durchlaucht in tiefster Unterthänigkeit beÿgelegtes Te Deum laudamus, welches ich zur Kirchgangs Feÿer der Durchlauchtig- sten Erbprinzessin Kaÿserlichen Hoheit, in Musik gesetzet habe, unterthänigst zu Füßen zu legen, mit dem submißesten Wunsche, solches, wenn es Euer Herzoglichen Durch- laucht nicht müsfallen sollte, an dem glüklichen Kirchgangs Tage aufführen zu können. Ich schmeichle mir eines gnädigsten Wohlwollens und höchster Gnade, um so mehr, da ich mehrere Jahre ein College von Höchst Ihrem Capellmeister Rosetti war, und in seinem Geschmack zu schreiben mich bemüht habe, und ersterbe in tiefster Ehrfurcht

Euer Herzoglichen Durchlaucht Meines gnädigsten Fürsten und Herrn unterthänigst gehorsamster

Georg Feldmaÿer

Fürst. Oetting Wallersteinischer

Hof Sänger und Musik Director“

Für das überreichte Te Deum erhielt er am 31. Oktober weitere sechs Louisdor 71. Die Prinzessin Luise Charlotte (* 1779) war am 21. Oktober 1797 mit dem Erbprinzen des Hauses Sachsen-Gotha-Altenburg, Emil Leopold August (1772-1822), vermählt worden. Als sie nur wenige Monate später am 4. Januar 1801 nach der Geburt ihrer Tochter Luise starb, widmete Feldmayr, der sich offenbar noch immer in Ludwigslust aufhielt, dem Angedenken der Erbprinzessin eine „Trauer-Musik“, bei der es sich nicht um eine Neukomposition, sondern um eine um Klarinettenstimmen erweiterte Fassung seines um 1791 in Wallerstein entstandenen Requiems in c-Moll handelt 72.

 

62 Georg Feldmayr an Herzogin Luise von Mecklenburg-Schwerin, Ludwigslust, 3. Oktober 1800; Landeshauptarchiv Schwerin, 2.26-1, Großherzogliches Kabinett, Nr.10203.

63 Dass Feldmayr das zerfetzte Schreiben Rosettis zehn Jahre später seinem Brief an die Herzogin „im Originalle“ beigeben konnte, ist nicht recht glaubhaft; in den Beständen des Landeshauptarchivs Schwerin ist es jedenfalls nicht auffindbar.

64 Die Kantate scheint nicht erhalten zu sein.

65   Johannes  Matthias  Sperger  (1750-1812),  seit  1789  Kontrabassist  im  Dienst  des

Herzogs von Mecklenburg-Schwerin. Vgl. MGG, Bd. 11 (1965), Sp. 1031-1033.

66  Der in Oettingen (Bayern) geborene Cellist Franz Xaver Hammer (1741-1813) ist nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Wallersteiner Hofmusikdirektor (Anm.

54). Er stammt aber gleichwohl aus derselben weit verzweigten Rieser Musikerfamilie. Vgl. 2MGG, Personenteil, Bd. 8 (2002), Sp. 485 f.

67 Clemens Neher kam am 18. Mai 1764 in Wallerstein als Sohn von Johann und Maria Anna Neher zur Welt; Katholisches Pfarramt Wallerstein, Pfarrmatrikel 1750-1806, Taufen. Wallersteiner Pfarrmatrikel, der Heiratseintrag vom 28. Januar 1777 besagt aber, dass Rosina die Tochter von Johann und Maria Anna Neher war; Katholisches Pfarramt Wallerstein, Pfarrmatrikel 1750-1806, Hochzeiten.

68 Vgl. Anm. 57.

69 Empfangsbestätigung mit Feldmayrs Unterschrift vom 6. Oktober 1800; Landes- hauptarchiv Schwerin, 2.26-1, Großherzogliches Kabinett, Nr. 10203.

70 Feldmayr an Herzog Friedrich Franz I. von Mecklenburg-Schwerin, Ludwigslust, 22. Oktober 1800; Landeshauptarchiv Schwerin, 2.26-1, Großherzogliches Kabinett, Nr. 10203.

71 Empfangsbestätigung mit Feldmayrs Unterschrift vom 31. Oktober 1800; Landes- hauptarchiv Schwerin, 2.26-1, Großherzogliches Kabinett, Nr. 10203. – Ob das überreichte Te Deum mit dem Wallersteiner Te Deum von 1792 (Haberkamp, Anm. 46, S. 69) identisch war, kann nicht mehr geklärt werden, da das Ludwigsluster Exemplar nicht erhalten ist.

72 Otto Kade: Die Musikalien-Sammlung des Großherzoglich Mecklenburg-Schweriner Fürstenhauses aus den letzten zwei Jahrhunderten, Bd. 1. Schwerin, 1893, S. 260 f.; Haberkamp (Anm. 46), S. 67.


 

Hamburg

Feldmayrs länger als 30 Jahre währender letzter Lebensabschnitt in Norddeutschland liegt abgesehen von der Ludwigsluster Episode weitgehend im Dunkeln. Dem schon zitierten Artikel in der „Encyclopädie der gesammten musikalischen Wissenschaften“ (1835) zufolge lebte er seit 1802 in Hamburg 73. Für den 3. April 1803 ist ein Auftritt in einem der Konzerte der Geschwister Grund belegt, die bereits seit den 1790er Jahren „regelmäßige Bestandteile der winterlichen Aufführungen“ in Hamburg waren 74. Zusammen mit der zwanzigjährigen Henriette Grund (1783-1867) sang er ein „großes Duett“ eigener Komposition 75. „Von Ostern 1811 bis 1812“ war er einer von insgesamt vier Violinisten im Orchester des deutschen Theaters am Gänsemarkt 76. Möglicherweise pflegte er auch Kontakt zu seinem ehemaligen Wallersteiner Kollegen und Kammermusikpartner Paul Wineberger, der sich um 1800 in Hamburg niedergelassen hatte und seinen Lebensunterhalt als Cellist im Orchester des französischen Theaters und als Kla- vierlehrer verdiente 77. In den Hamburger Adressbüchern taucht Feldmayr 1805 mit der Berufsbezeichnung „Musikus“ als wohnhaft in „Lange Mühren“ (ohne Hausnummer) auf; 1819 wohnte er „Kleine Drehbahn 355“ und firmierte als „1. Violinist im deutschen  Theater“;  1821  schließlich  lautete  die  Adresse  des  „Violinisten“  Feldmayr „Dammthorwall 13“ 78. Weitere Belege für Hamburg fehlen. Es ist daher nicht auszuschließen, dass er zeitweise auch außerhalb der Stadt, vielleicht in einer der norddeut- schen Adelskapellen sein Auskommen fand.

Wann er Frau und Kinder zu sich holte, ist ebenfalls nicht bekannt. Sicher belegt ist lediglich, dass Monika Feldmayr am 9. Januar 1831 im Hamburger Allgemeinen Kran- kenhaus St. Georg starb 79. Nur wenige Tage später scheint der 74-Jährige nach Schwerin aufgebrochen zu sein, denn am 25. Januar richtete er, hier angekommen, ein weiteres – vermutlich sein letztes – Bittgesuch an Friedrich Franz von Mecklenburg-Schwerin, der seit 1815 den Titel Großherzog führte 80:

„Euer Königliche Hoheit! Allerdurchlauchtigster Großherzog!

Die allerhöchste Huld und Gnade Eurer Königlichen Hoheit seÿ mit mir!!!

Ich bin nunmehro 14 Tage in Schwerin; ich habe mir alle mögliche Mühe gegeben, um ein Concert zu geben; konnte es aber nicht zu Stande bringen. Ich logiere beÿ Zülli – in der Stadt Hamburg 81; und ich bin leider! Außer Stande, meine Zeche zu bezahlen. Ich habe zwar ein neues und gutes Engagement nach Brandenburg; es fehlen mir aber die Mittel, die Reise zu unternehmen.

Zu den Füßen Euer Königlichen Hoheit bitte ich mit aufgehobenen Händen, daß Allerhöchstdieselben aus meinem großen Jamer huldvollest und gnädigst mich zu retten geruhen mögen!!!

Allerdurchlauchtigster Großherzog!!! um diese lezte huldvollste Gnade bitte ich demü- thigst; so wie mein tägliches Bitten und Betten seÿn wird; Gott erhalte! Euer Königliche Hoheit!!!

In tiefster Ehrfurcht ersterbe ich

Euer königlichen Hoheit Allerdurchlauchtigster Großherzog unterthänigst devotester G: Feldmaÿer

Musik Direktor.

des in Ludwigslust verstorbenen Kapell Meisters

Rosetti Schwager.“

 

Das Schreiben offenbart eine ziemliche „Vertrautheit“ des Bittstellers im Umgang mit seinem Gönner. Der Großherzog musste über Feldmayr, der nach heutiger Aktenlage zuletzt im Jahr 1800 vorstellig geworden war, offensichtlich auch 1831 noch recht gut „im Bilde“ sein, denn, ohne sich vorzustellen, kommt dieser gleich zur Sache. Die Vermutung liegt nahe, dass der erbetenen „lezten huldvollsten Gnade“ außer den Geldgeschenken vom Oktober 1800 weitere Zuwendungen vorausgingen, von denen wir nichts wissen. Möglicherweise waren das nicht nur Gnadenerweise eines mildtätigen  Fürsten;  vielleicht  hatten  sie  ja  ihren  Hintergrund  in  einem  wie  auch  immer gearteten (zeitweiligen) Dienstverhältnis 82.

Die erneute Bezugnahme auf seinen Schwager Rosetti veranlasste den Großherzog auf Feldmayrs Schreiben zu der Bemerkung, dass der in Ludwigslust lebende Schwie- gersohn Rosettis, der geheime Finanzrat Prosch 83, „sich seiner annehmen würde“, falls er wirklich ein Verwandter sei 84. Schließlich ordnete er an, der Bittsteller solle nochmals einen Louisdor erhalten, ansonsten „solle ihm gesagt werden daß er mich nicht wieder behelligen“ möge 85. Kein weiteres Lebenszeichen ist überliefert. Am 1. Mai 1834 starb Georg Feldmayr wie drei Jahre zuvor seine Frau im Hamburger Allgemeinen Krankenhaus St. Georg 86.

73 Schilling (Anm. 59), S. 673.

74  Josef Sittard: Geschichte des Musik und Concertwesens in Hamburg. Altona 1890, S. 136-139.

75 Henriette Grund, die Älteste von elf Kindern des Hamburger Musikers Georg Fried- rich Grund, von denen mehrere musikalische Ambitionen zeigten, trat seit 1791 als Pia- nistin und seit 1795 auch als Sängerin in Erscheinung. In dem Konzert am 3. März 1803 waren außer Henriette auch ihre Brüder Carl (* 1784), Ferdinand (1790-1877) und Friedrich Wilhelm Grund (1791-1874), Gründer und Leiter der Singakademie und der Philharmonischen Gesellschaft, mit Klavier und Gesangsdarbietungen zu hören; vgl. Sittard (Anm. 74).

76 Friedrich Ludwig Wilhelm Meyer: Friedrich Ludwig Schröder, Bd. 2. Hamburg 1819, S. 111 f.: „Außer 7 Rathsmusikern, bestand das Orchester aus 18 Personen. Violinisten: Graff. Läre. Feldmeyer. Feuerberg.“

77 Vgl. Anm. 30.

78 Freundliche Auskunft des Staatsarchivs Hamburg vom 6. Mai 2004. Die Hamburger Adressbücher sind für diese Zeit nicht lückenlos erhalten. In den Adressbüchern für die Jahre 1803, 1808, 1812, 1825, 1829 und 1833 ist Georg Feldmayr nicht aufgeführt.

79  Staatsarchiv Hamburg, Sterberegister des Allg. Krankenhauses St. Georg, 1831, Nr.17.

80  Feldmayr an Großherzog Friedrich Franz I. von Mecklenburg-Schwerin, Schwerin, 25. Januar 1831; Landeshauptarchiv Schwerin, 2.26-1, Großherzogliches Kabinett, Nr.10203.

81 Ein Gasthof in Schwerin.

82 Diese Vermutung konnte bislang nicht belegt werden.

83 Carl Prosch war der Ehemann von Rosettis zweiter Tochter, der Ludwigsluster Hof- sängerin Antonia Theresia Rosetti/Prosch (1779-1832); vgl. Oskar Kaul, Einleitung, in: ders. (Hrsg.): Anton Rosetti, Ausgewählte Sinfonien. Leipzig 1912, S. XXXIV (Denk- mäler der Tonkunst in Bayern, Jg. 12/1).

84  Handschriftliche Notiz vom 25. Januar von Großherzog Friedrich Franz I. auf Feld- mayrs Brief vom 25. Januar (Anm. 80).

85  Handschriftliche Notiz vom 27. Januar von Friedrich Franz I. auf Feldmayrs Brief vom 25. Januar (Anm. 80).

86  Staatsarchiv Hamburg, Sterberegister des Allgemeinen Krankenhauses St. Georg, 1834, Nr. 189.


 

Feldmayr – der Komponist

Über den ursprünglichen Umfang von Feldmayrs kompositorischem Œuvre kann man nur noch spekulieren. Etwa 90 Werke sind nach heutigem Kenntnisstand im Manuskript erhalten 87. Allein 76 davon entstammen der ehemaligen Fürstlich Oettingen-Wallersteinsche Hofbibliothek, die heute in der Universitätsbibliothek Augsburg aufbewahrt wird 88, und gehen in erster Linie auf die „Rückholaktion“ des Fürsten Kraft Ernst von 1802 zurück. Einzelne Manuskripte liegen darüber hinaus im Fürstlich Hohenlohe-Bar- tensteinschen Archiv, Schloss Bartenstein, in der Landesbibliothek Karlsruhe 89, im Stadtarchiv Konstanz, in der Fürst Thurn und Taxis Hofbibliothek in Regensburg 90 und in der Landesbibliothek Mecklenburg-Vorpommern in Schwerin 91. Der einzige Feldmayr-Druck, das um 1800 erschienene Flötenkonzert in G-Dur, ist vollständig anscheinend nur im Archiv des Musikverlags André in Offenbach nachweisbar.

Die überwiegende Mehrzahl der erhaltenen Werke entstand in Feldmayrs Wallerstei- ner Zeit, also in den 20 Jahren zwischen 1780 und 1799. Im Zentrum stehen die Gattun- gen Kantate (22 bzw. 23 92  Werke), Konzertarie (18 Werke 93) und Harmoniemusik (22 Werke 94). Außerdem existieren zwei Sinfonien, die wahrscheinlich zu seinen frühen Kompositionen zu zählen sind, Solokonzerte für Flöte und Oboe, zwei Konzerte für zwei Hörner sowie zwei konzertante Sinfonien für Violine und Oboe bzw. Oboe und Fagott, eine Anzahl Kirchenmusiken (Miserere, Requiem, Te Deum, Lauretanische Litanei) und sogar ein Bühnenwerk: Sultan Wampun, oder die Wünsche, eine „Operette“ auf einen Text von August von Kotzebue (1761-1819) 95. Zu Feldmayrs ambitionier- testen Schöpfungen zählen vielleicht die Konzertarien – zehn von ihnen komponierte er auf Texte von Pietro Metastasio (1698-1782) – und die oft aus Anlass von Familienfesten des fürstlichen Hauses (Geburten, Hochzeiten, Geburts- und Namenstage etc.) entstandenen Kantaten 96. Das von den Vokalsolisten (vor allem Sopran und Tenor) hier wie dort geforderte technische Können ist bemerkenswert. Doch auch die farbig instrumentierten Harmoniemusiken unterschiedlicher Besetzung und die Solokonzerte offenbaren ein gerüttelt Maß an handwerklichem Können und musikalischem Gespür, ohne freilich die Meisterschaft des bewunderten Kollegen Rosetti letztlich zu erreichen.

Trotz der Tatsache, dass Feldmayr in Wallerstein zum Kammermusikkreis um Graf Franz Ludwig gehörte und sicherlich – wie der Kollege Wineberger – für das gemein- same Musizieren komponierte, findet sich unter den erhaltenen Werken nicht ein einzi- ges Stück dieses Genres. Die Musiksammlung des Wallersteiner Regierungspräsidenten Franz Michael von Schaden (1726-1790)97, die nach dessen Tod versteigert wurde, ent- hielt – dies geht aus einem Verzeichnis hervor, das aus Anlass der Versteigerung im Oktober 1791 erstellt wurde – von Feldmayr ein „Quartetto in G Dur. Violino I. II.

Viola e Violoncello“, „3 Trio a Due Violini & Basso“ und ein „Trio a Due Violini, Violoncello ô Alto Viola“. Diese Werke wurden damals von Hofrat von Belli zwar für das fürstliche Haus ersteigert 98, trotzdem fehlt von ihnen heute jede Spur.

87 Ein vor allem auf RISM basierendes Verzeichnis der erhaltenen Werke ist in Vorbereitung.

88 Haberkamp (Anm. 46), S. 58-70.

89 Früher Fürstlich Fürstenbergische Hofbibliothek Donaueschingen.

90 Gertraut Haberkamp: Die Musikhandschriften der Fürst-Thurn-und-Taxis-Hofbiblio- thek Regensburg. München 1981, S.64 (KBM, Bd. 6).

91 Kade (Anm. 72).

92 Nimmt man die 1791 auf den Tod des Grafen Franz Ludwig zu Oettingen-Wallerstein entstandene und „Oratorium“ überschriebene Komposition hinzu, die eigentlich eine Kantate ist.

93 Darunter auch ein Duett für Sopran, Tenor und Orchester.

94 Darunter auch eine Serenade für Streicher, große Bläserbesetzung und Schlagwerk.

95 In Ignaz von Beeckes Nachlass, der nach seinem Tod in alle Winde zerstreut wurde, befand sich eine weitere „Operette von Feldmeyer der Zauberschleir“; FÖWAH, Dienerakten Ignaz von Beecke, LO: III.5.7a; zit. nach Volckamer, KBM 3 (Anm. 52), S. XXXI.

96 Einzelne Kantaten entstanden auch auf äußere Anlässe, wie etwa den Tod König Ludwigs XVI. von Frankreich (1793) oder den Frieden von Campo Formio (1797).

97 Schaden war ein eminenter Musikkenner, der u. a. für Wielands „Teutschen Merkur“ schrieb. So stammt z. B. der im Dezember 1776 erschienene und mit den Initialen „S. Frhr. von S.“ [Schad Freiherr von Schaden] gezeichnete Beitrag „Etwas von der musi- kalischen Edukation“, in dem auch über die Wallersteiner Hofmusik berichtet wird (S.220), aus seiner Feder.

98 Verzeichnis der versteigerten Musikalien des Geheimrats Franz Michael von Schaden, erstellt im Oktober 1791; FÖWAH, Dienerakten Franz Michael von Schaden, LO: III.6.23a; zit. nach Volckamer, KBM 3 (Anm. 52), S. XXVI-XXX, hier S. XXVII.


 

Zusammenfassung

Der 1756 im oberbayerischen Pfaffenhofen geborene Georg Feldmayr besuchte das Jesuitengymnasium in München und trat Anfang 1780 als Geiger in die Wallersteiner Hofkapelle ein. Bald übernahm er auch in der Hof- und Kirchenmusik die Tenorpartien, seine Ehefrau, Monika (geb. Keckhut), die seine Gesangsschülerin war, wurde als Sopranistin eingesetzt. Obwohl einer der bestbezahlten Hofmusiker überhaupt, litt er beständig unter drückender Geldnot. Ende 1799 verließ er Wallerstein. Im Herbst 1800 suchte er am Mecklenburg-Schweriner Hof vergeblich um eine Anstellung nach. Seit 1802 scheint er in Hamburg ansässig gewesen zu sein, wo er zwischen 1811 und 1819 als Violinist am Deutschen Theater nachweisbar ist. Feldmayr starb am 1. Mai 1834 in Hamburg.

 

Erschienen in: Rosetti-Forum 5 (2004), S. 37-53

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Werke, editiert in der Robert Ostermeyer Musikedition: