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Feldmayr, Georg - Hamburg

 

Hamburg

Feldmayrs länger als 30 Jahre währender letzter Lebensabschnitt in Norddeutschland liegt abgesehen von der Ludwigsluster Episode weitgehend im Dunkeln. Dem schon zitierten Artikel in der „Encyclopädie der gesammten musikalischen Wissenschaften“ (1835) zufolge lebte er seit 1802 in Hamburg 73. Für den 3. April 1803 ist ein Auftritt in einem der Konzerte der Geschwister Grund belegt, die bereits seit den 1790er Jahren „regelmäßige Bestandteile der winterlichen Aufführungen“ in Hamburg waren 74. Zusammen mit der zwanzigjährigen Henriette Grund (1783-1867) sang er ein „großes Duett“ eigener Komposition 75. „Von Ostern 1811 bis 1812“ war er einer von insgesamt vier Violinisten im Orchester des deutschen Theaters am Gänsemarkt 76. Möglicherweise pflegte er auch Kontakt zu seinem ehemaligen Wallersteiner Kollegen und Kammermusikpartner Paul Wineberger, der sich um 1800 in Hamburg niedergelassen hatte und seinen Lebensunterhalt als Cellist im Orchester des französischen Theaters und als Kla- vierlehrer verdiente 77. In den Hamburger Adressbüchern taucht Feldmayr 1805 mit der Berufsbezeichnung „Musikus“ als wohnhaft in „Lange Mühren“ (ohne Hausnummer) auf; 1819 wohnte er „Kleine Drehbahn 355“ und firmierte als „1. Violinist im deutschen  Theater“;  1821  schließlich  lautete  die  Adresse  des  „Violinisten“  Feldmayr „Dammthorwall 13“ 78. Weitere Belege für Hamburg fehlen. Es ist daher nicht auszuschließen, dass er zeitweise auch außerhalb der Stadt, vielleicht in einer der norddeut- schen Adelskapellen sein Auskommen fand.

Wann er Frau und Kinder zu sich holte, ist ebenfalls nicht bekannt. Sicher belegt ist lediglich, dass Monika Feldmayr am 9. Januar 1831 im Hamburger Allgemeinen Kran- kenhaus St. Georg starb 79. Nur wenige Tage später scheint der 74-Jährige nach Schwerin aufgebrochen zu sein, denn am 25. Januar richtete er, hier angekommen, ein weiteres – vermutlich sein letztes – Bittgesuch an Friedrich Franz von Mecklenburg-Schwerin, der seit 1815 den Titel Großherzog führte 80:

„Euer Königliche Hoheit! Allerdurchlauchtigster Großherzog!

Die allerhöchste Huld und Gnade Eurer Königlichen Hoheit seÿ mit mir!!!

Ich bin nunmehro 14 Tage in Schwerin; ich habe mir alle mögliche Mühe gegeben, um ein Concert zu geben; konnte es aber nicht zu Stande bringen. Ich logiere beÿ Zülli – in der Stadt Hamburg 81; und ich bin leider! Außer Stande, meine Zeche zu bezahlen. Ich habe zwar ein neues und gutes Engagement nach Brandenburg; es fehlen mir aber die Mittel, die Reise zu unternehmen.

Zu den Füßen Euer Königlichen Hoheit bitte ich mit aufgehobenen Händen, daß Allerhöchstdieselben aus meinem großen Jamer huldvollest und gnädigst mich zu retten geruhen mögen!!!

Allerdurchlauchtigster Großherzog!!! um diese lezte huldvollste Gnade bitte ich demü- thigst; so wie mein tägliches Bitten und Betten seÿn wird; Gott erhalte! Euer Königliche Hoheit!!!

In tiefster Ehrfurcht ersterbe ich

Euer königlichen Hoheit Allerdurchlauchtigster Großherzog unterthänigst devotester G: Feldmaÿer

Musik Direktor.

des in Ludwigslust verstorbenen Kapell Meisters

Rosetti Schwager.“

 

Das Schreiben offenbart eine ziemliche „Vertrautheit“ des Bittstellers im Umgang mit seinem Gönner. Der Großherzog musste über Feldmayr, der nach heutiger Aktenlage zuletzt im Jahr 1800 vorstellig geworden war, offensichtlich auch 1831 noch recht gut „im Bilde“ sein, denn, ohne sich vorzustellen, kommt dieser gleich zur Sache. Die Vermutung liegt nahe, dass der erbetenen „lezten huldvollsten Gnade“ außer den Geldgeschenken vom Oktober 1800 weitere Zuwendungen vorausgingen, von denen wir nichts wissen. Möglicherweise waren das nicht nur Gnadenerweise eines mildtätigen  Fürsten;  vielleicht  hatten  sie  ja  ihren  Hintergrund  in  einem  wie  auch  immer gearteten (zeitweiligen) Dienstverhältnis 82.

Die erneute Bezugnahme auf seinen Schwager Rosetti veranlasste den Großherzog auf Feldmayrs Schreiben zu der Bemerkung, dass der in Ludwigslust lebende Schwie- gersohn Rosettis, der geheime Finanzrat Prosch 83, „sich seiner annehmen würde“, falls er wirklich ein Verwandter sei 84. Schließlich ordnete er an, der Bittsteller solle nochmals einen Louisdor erhalten, ansonsten „solle ihm gesagt werden daß er mich nicht wieder behelligen“ möge 85. Kein weiteres Lebenszeichen ist überliefert. Am 1. Mai 1834 starb Georg Feldmayr wie drei Jahre zuvor seine Frau im Hamburger Allgemeinen Krankenhaus St. Georg 86.

73 Schilling (Anm. 59), S. 673.

74  Josef Sittard: Geschichte des Musik und Concertwesens in Hamburg. Altona 1890, S. 136-139.

75 Henriette Grund, die Älteste von elf Kindern des Hamburger Musikers Georg Fried- rich Grund, von denen mehrere musikalische Ambitionen zeigten, trat seit 1791 als Pia- nistin und seit 1795 auch als Sängerin in Erscheinung. In dem Konzert am 3. März 1803 waren außer Henriette auch ihre Brüder Carl (* 1784), Ferdinand (1790-1877) und Friedrich Wilhelm Grund (1791-1874), Gründer und Leiter der Singakademie und der Philharmonischen Gesellschaft, mit Klavier und Gesangsdarbietungen zu hören; vgl. Sittard (Anm. 74).

76 Friedrich Ludwig Wilhelm Meyer: Friedrich Ludwig Schröder, Bd. 2. Hamburg 1819, S. 111 f.: „Außer 7 Rathsmusikern, bestand das Orchester aus 18 Personen. Violinisten: Graff. Läre. Feldmeyer. Feuerberg.“

77 Vgl. Anm. 30.

78 Freundliche Auskunft des Staatsarchivs Hamburg vom 6. Mai 2004. Die Hamburger Adressbücher sind für diese Zeit nicht lückenlos erhalten. In den Adressbüchern für die Jahre 1803, 1808, 1812, 1825, 1829 und 1833 ist Georg Feldmayr nicht aufgeführt.

79  Staatsarchiv Hamburg, Sterberegister des Allg. Krankenhauses St. Georg, 1831, Nr.17.

80  Feldmayr an Großherzog Friedrich Franz I. von Mecklenburg-Schwerin, Schwerin, 25. Januar 1831; Landeshauptarchiv Schwerin, 2.26-1, Großherzogliches Kabinett, Nr.10203.

81 Ein Gasthof in Schwerin.

82 Diese Vermutung konnte bislang nicht belegt werden.

83 Carl Prosch war der Ehemann von Rosettis zweiter Tochter, der Ludwigsluster Hof- sängerin Antonia Theresia Rosetti/Prosch (1779-1832); vgl. Oskar Kaul, Einleitung, in: ders. (Hrsg.): Anton Rosetti, Ausgewählte Sinfonien. Leipzig 1912, S. XXXIV (Denk- mäler der Tonkunst in Bayern, Jg. 12/1).

84  Handschriftliche Notiz vom 25. Januar von Großherzog Friedrich Franz I. auf Feld- mayrs Brief vom 25. Januar (Anm. 80).

85  Handschriftliche Notiz vom 27. Januar von Friedrich Franz I. auf Feldmayrs Brief vom 25. Januar (Anm. 80).

86  Staatsarchiv Hamburg, Sterberegister des Allgemeinen Krankenhauses St. Georg, 1834, Nr. 189.